Mach-mit-Geschichte

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© 2016 Alexander Weisheit


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Weisheits-Perlen


Die Kopfschmerzen waren unerträglich. Ein unrhythmisches Pochen zwischen den Schläfen, welches den Kopf zu sprengen drohte. Noch waren die Augen geschlossen und es schien unmöglich sie zu öffnen. Nur eine Bewegung, sei sie auch noch so gering, und der ganze Mageninhalt würde die Speiseröhre hinauf den Weg ins Freie katapultiert werden.
Gestern war doch Silvester gewesen?! Die Erinnerungen reichten bis in den Abend hinein. Doch irgendwann verebbten die Eindrücke, die sich kurz ins Gehirn schoben. Langsam öffneten sich die Augenlider und versuchten die Umgebung zu erkennen. Zu sehen war einiges, aber wieder zu erkennen irgendwie nichts.
'Wo bin ich hier?'
Ein Ruck richtete den Oberkörper auf, und wie vermutet schoss der mehr flüssige Inhalt des Magens in hohem Bogen durch den Mund auf die Couch auf der er lag



Er hustete noch zweimal kurz um seinen Rachen frei zu bekommen. Der Geschmack im Mund war widerlich. Dann sank er langsam zurück und schloss die Augen. Er lag nicht auf seiner Couch. Und auch nicht auf der bei seinen Freunden. Wo war er?
Die bohrenden Kopfschmerzen ließen ihn keinen klaren Gedanken fassen; und diese Übelkeit. Er versuchte tief und regelmäßig zu atmen, um den Würgreflex zu beruhigen. Es gelang ihm nur schwer.
Also, wie war das gestern Abend gewesen? Er hatte sich am Silvesterabend mit seinen Freunden in kleiner Runde zum Raclette getroffen. Es war ein gemütlicher Abend gewesen. Wein und Bier waren geflossen. Sie hatten lange zusammen gesessen und das Essen genossen bis alle rundum satt waren. Danach gab es noch die Feuerzangenbowle. Die hatte es in sich gehabt. Mehr Rum als nötig. Aber lecker war sie gewesen. Um Mitternacht hatten sie auf das neue Jahr angestoßen. Er erinnerte sich noch daran, dass sie zwei Flaschen Sekt geöffnet hatten. Er hatte mindestens zweimal nachgeschüttet. Dann gab es Feuerwerk. Sie standen draußen, schossen Raketen in den Himmel. Hatte er nicht auch Anne geküsst? Die Erinnerungen verblassten etwas. Er hatte sie im Arm gehalten als sie zusammen in den Himmel schauten. Danach gab es wieder Feuerzangenbowle. Und das Spiel... ja, da war noch dieses Spiel gewesen. Hier wurden seine gedanklichen Aufzeichnungen immer schwächer. Irgendwann zu diesem Zeitpunkt riss sein Erinnerungsfaden. Etwas an dem Spiel war besonders gewesen, aber was?



Langsam öffnete Marwin die Augen. Er lag immer noch auf der Couch. Der Raum um ihn herum versank im Dämmern. Von irgendwo her schien etwas Licht in den Wohnraum, Draußen aber war es noch dunkel. Immer noch oder schon wieder? Wie lange hatte er geschlafen? Die Übelkeit zerrte nicht mehr so sehr an seinem Magen, aber sein Kopf schmerzte immer noch. Von weitem hörte er eine Polizeisirene. Vorsichtig richtete er sich auf und schwang die Beine auf den Boden. Es ging besser als er gedacht hatte. Sein Erbrochenes auf der Couch war bereits eingetrocknet. Also war er nochmals eingeschlafen.
Als Marwin den Kopf drehte, streifte sein Blick den kleinen Beistelltisch neben dem Sofa. Zwei benutzte Weingläser standen darauf, eine angebrochene Packung Salzstangen lag daneben. Nichts deutete darauf hin, wo er sich befand. Oder sein Kopf ließ eine Antwort noch nicht zu. Die näher kommende Sirene schrie sich in den Vordergrund, und ließ seine Kopfschmerzen stärker werden. Er hatte schon viele durchzechte Nächte erlebt, aber noch nie hatte er sich so miserabel gefühlt.
Ein kurzer Blick nach rechts und links liessen ihn seine Klamotten vermissen. Nur in Boxershorts bekleidet saß er auf der ledernen Couch. Sein Handy war auch nicht da. Langsam stemmte sich Marwin hoch und kam schwankend zum stehen. Ihn fröstelte, denn ein kalter Wind zog durch den Raum. Die Sirene war jetzt ganz laut und schien sich direkt vor dem Haus zu befinden. In den Lichtschein aus dem angrenzenden Raum hatte sich das flackernde Blaulicht eines Polizeiautos gemischt. Noch zweimal tönte die Sirene laut auf und verstummte dann abrupt. Der flackernde Schein des Blaulichtes aber blieb.
Um sich weiter in der fremden Wohnung zu orientieren, ging Marwin auf den Nebenraum, aus dem das Licht fiel, zu. Er ging breitbeinig, weil ihm etwas schwindelig war, und er musste sich an einer kleinen Kommode abstützen. Sein Blick viel auf ein Bild, welches dort stand. Zwei junge Frauen sah er dort, und eine davon kannte er: Es war Anne!
Also befand er sich in ihrer Wohnung. Diese Schlussfolgerung kam einfach so in sein Gehirn, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben. Er konnte sich aber beileibe nicht daran erinnern mit Anne nach Hause gegangen zu sein, geschweige denn daran, hier geschlafen zu haben. Sehr wahrscheinlich auf der Couch.
Der beleuchtete Raum war das Schlafzimmer. Ein durchwühltes Bett und eine halb offene Türe zu einem Balkon, durch die die winterliche Kühle in das Zimmer, und weiter in die ganze Wohnung strich, empfing ihn. Kein Wunder, das ihm kalt war. Von Anne sah er keine Spur.
Immer noch zuckte das Blaulicht aufgeregt von draussen herein. Marwin ging näher an die Balkontüre und schloss sie, während er einen Blick hinaus warf. Er befand sich im zweiten oder dritten Stock des Hauses, und tatsächlich stand dort unten ein Polizeiwagen. Von seinem Blickwinkel aus erkannte Marwin nicht, was sich dort unten abspielte. Jedoch sah er einige Menschen, die zusammen standen und miteinander redetet. Irgendetwas schien dort zu sein, was sie interessierte. Marwin war nicht so neugierig. Er hatte im Moment andere Probleme. Neben seiner abgeflauten Übelkeit und den bohrenden Kopfschmerzen gesellte sich jetzt auch die Kälte, und er musste dringend auf's Klo.
Auch hier im Schlafzimmer sah er seine Klamotten nicht. Okay, alles der Reihe nach. Zuerst auf die Toilette, dann konnte er sich Gedanken darüber machen, wie es weiter gehen sollte. Durst hatte er jetzt übrigens auch noch.
Er schleppte sich zurück ins Wohnzimmer, um von dort die Toilette zu finden. Laute Geräusche von ausserhalb der Wohnung waren zu hören. Im Hausflur sprachen mehrere Menschen miteinander, doch Marwin verstand nicht was sie sagten. Als Marwin die Türe fand, die sich zu seinem Glück in das Bad öffnete, erschreckten ihn plötzlich laute Schläge gegen die Wohnungstüre.
"Aufmachen! Polizei!", dröhnte eine tiefe Männerstimme aus dem Flur. Marwin stand wie zu einer Eissäule erstarrt da, und sein Herz schlug plötzlich schneller.
Was sollte er machen? Öffnen oder so tun, als wäre keiner da?



Marwin zog sich ins Bad zurück und schloss leise die Türe. Er versuchte so ruhig wie möglich zu sein und liess sogar das Licht aus, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, und das flackernde Blaulicht warf durch das milchige Badezimmerfenster bizarre Schatten an die Wand. Er konnte doch nicht einfach die Türe öffnen, nur in Boxershorts bekleidet, und dann war dies noch nicht mal seine eigene Wohnung. Das würde sicherlich Fragen aufwerfen, die er im Moment selber nicht beantworten konnte. Also einfach so tun, als wäre keiner da.
Wieder pochte es an der Wohnungstüre und der Polizist forderte lautstark Eintritt. Etwas leiseres Gemurmel folgte. Würden sie die Türe eintreten? Und was würden sie dann mit ihm machen? Jetzt bemerkte Marwin wieder, das seine Blase drückte. Vorsichtig hob er den Toilettendeckel hoch und erleichterte sich leise. Jetzt ging es ihm etwas besser, obwohl Übelkeit und bohrende Kopfschmerzen blieben; die Kälte auch. An der Türe hing ein rosafarbener Bademantel. Mit etwas Widerwillen nahm er ihn ab und zog ihn sich über. Jetzt wurde es wenigstens wärmer, doch was passieren würde, wenn die Polizisten gewaltsam in die Wohnung eindrangen und ihn so vorfanden, mochte er sich nicht wirklich ausmalen.
Im Hausflur wurde es leiser. Es schien, als zögen die Polizisten ab. Marwin liess noch einige Minuten verstreichen, bis es gänzlich ruhig war. Dann verließ er das Bad und ging zurück ins Wohnzimmer. Er bewegte sich langsam und leise in der Dunkelheit, um keine Aufmerksamkeit nach Aussen zu erregen. Sicher hatte die Polizei das Licht im Schlafzimmer von Aussen gesehen und deshalb an der Türe geklopft. Hatten sie auch bemerkt, dass die Balkontüre offen gewesen war? Und jetzt war sie zu. Im Nachhinein ärgerte sich Marwin das er diesen dummen Fehler begangen hatte, doch das war jetzt nicht mehr zu ändern. Klare Gedanken konnte er immer noch nicht fassen, um eine Folge von 'Was-wäre-Wenn-Situationen' logisch durchzugehen. Also ließ er es bleiben.
Auf der Kommode fiel ihm das Telefon ins Auge und die Idee blitzte so schnell in seinem Kopf auf, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben. Leise hob er das schnurlose Bedienteil aus der Ladeschale und wählte die Nummer.




Es klingelte zweimal, bis am anderen Ende jemand abhob.

"Anne?", fragte eine männliche Stimme.
"Ich bin es Ben, Marwin", flüsterte Marwin.
"Marwin? Was machst Du...?"
Er liess ihn nicht aussprechen und flüsterte schnell weiter: "Ich habe ein Problem, Ben. Ich bin hier in Annes Wohnung und draussen vor der Türe steht die Polizei. Aber ich weiss nicht warum." Am anderen Ende der Leitung war es einen Moment ruhig.
Marwin hatte Ben angerufen, seinen besten Kumpel. Er war ebenso, wie Frank und Tina, an dem Silvesterabend dabei gewesen, und Marwin erhoffte sich von Ben Hilfe, wenn er auch noch nicht genau wusste, wie. Ben kannte er bereits seit der Grundschulzeit, denn beide Familien waren Nachbarn gewesen. Die Eltern unternahmen viel zusammen, und so entwickelte sich zwischen Marwin und Ben über die Jahre hinweg eine enge Freundschaft. Selbst als sie auf verschiedene weiterführende Schulen gingen und später in die Ausbildung, hatten sich ihre Wege nicht wirklich getrennt. Nichts konnte ihre Freundschaft entzweien. Auch Anne nicht.
"Nun mal ganz langsam. Wieso Polizei? Und warum ist das ein Problem? Wo ist Anne denn?" fragte Ben schliesslich.
"Das weiss ich nicht. Ich bin hier eben aufgewacht und kann mich an nichts erinnern", flüsterte Marwin weiter.
Marwins Stimme klang verzweifelt, und am anderen Ende der Leitung hörte er Ben auflachen: "Ihr habt ja auch ordentlich getankt vorgestern Abend."
Marwin brauchte einen Moment, bis er begriff, was Ben gesagt hatte.
"Vorgestern Abend...?"
"Ja, Mann. Es ist Montag früh morgens, der 2. Januar. Und ich wundere mich, das Du immer noch bei Anne bist. Das muss ja echt eine lange Nacht gewesen sein..." Ben lachte wieder auf, und Marwin kam mit seinen Gedanken nicht hinterher. Hatte er wirklich einen ganzen Tag 'verschlafen'?
"Ich weiss nichts mehr", sagte er. "Und meine Klamotten sind weg."
"Deine Klamotten sind weg?" Jetzt hörte sich Ben wie ein Papagei an der Marwins Sätze wiederholte. "Was habt ihr denn den ganzen Tag getrieben?"
"Mensch Ben!" Jetzt wurde Marwin etwas lauter, verfiel aber direkt wieder ins flüstern und gab seiner Stimme den nötigen Ernst, den er Ben versuchte zu vermitteln. "Ich habe echt ein Problem. Ich weiss nichts mehr, als hätte mir jemand K.O. Tropfen verabreicht. Mein Kopf platzt gleich und mir ist speiübel. Meine Sachen sind weg, samt Handy und vor der Türe steht die Polizei. Also bis eben standen sie dort. Sehr wahrscheinlich sind sie wieder gegangen, aber draussen steht noch der Polizeiwagen. Ich sehe das Blaulicht durch das Fenster. Ich vermute, die denken hier wäre noch jemand in der Wohnung und..."
"Dann mach ihnen doch auf."
"Bist Du blöde? Was soll ich denen denn sagen? 'Entschuldigung, ich weiss nicht wie ich hier her gekommen bin. Die Frau, der die Wohnung gehört, kommt bestimmt gleich wieder.'"
"Naja, wenn Du nicht öffnest, machst Du Dich erst recht verdächtig."
"Deshalb habe ich Dich ja angerufen. Komm rüber, bring mir Klamotten mit und hol mich hier raus!"
Wieder liess sich Ben Zeit mit einer Antwort, und Marwin glaubte ihn am Handy den Kopf schütteln zu hören.
"Wie stellst Du Dir das vor? Ich muss arbeiten gehen. Ich habe keinen Urlaub."
"Mensch Ben. Was bist Du denn für ein Kumpel? Bist Du etwa sauer, das ich bei Deiner Ex bin?"
"Ach quatsch, Marwin. Das ist lange her..."
"Ich weiss ja nicht mal wie ich in diese Situation geraten bin! Und Du weisst genau, das ich Anne nie anmachen würde..."
"Das sah an Silvester aber ganz anders aus."
"Wie? Was habe ich gemacht?"
"Naja, ihr habt schon ordentlich 'rumgemacht'. Hat mich nicht gewundert, das ihr zu zweit abgehauen seit."
Marwin überlegte, aber er konnte sich wirklich nicht mehr erinnern.
"Wann sind wir denn gegangen?" fragte er stattdessen.
"Naja... War auf jeden Fall nach 3 Uhr. Wir haben ja noch gespielt..."
Das Spiel! Jetzt fiel es Marwin wieder ein; da war etwas mit einem Spiel.
"Was haben wir denn gespielt?" fragte er.
"Du erinnerst Dich wirklich nicht?" fragte Ben, und jetzt hörte er sich wirklich besorgt an.
"Nein, sonst würde ich ja nicht fragen."
"'Wahrheit oder Pflicht' haben wir gespielt. Ein paar Runden nur. Wir waren schon ziemlich kaputt und richtige Lust hatten wir dann später auch nicht mehr."
"Aha", antwortete Marwin nur, denn irgendwie hatte er das Gefühl, das da mehr gewesen war, als Ben ihm sagte.
Plötzlich hörte er, wie sich ein Schlüssel im Schlofl der Wohnungstüre drehte und die Türe geöffnet wurde.
"Da kommt jemand!" flüsterte Marwin Ben zu, aber dessen Antwort verstand er nicht mehr, denn Marwin hatte den Kopf gedreht und das Telefon langsam sinken lassen.
Sein Blick fiel in den Flur, und er sah schattenhaft die Gestalt eines Polizisten im Türrahmen auftauchen. In der Hand hielt er wohl seine Dienstwaffe, die noch zu Boden zeigte, wie Marwin nur erahnen konnte. Hinter der Gestalt tauchte eine Zweite im Licht des Hausflures auf - noch ein Polizist.


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